Josef Börding

2017 – (ongoing project)

Im April 2017 schenkte mein Onkel meinem Vater ein Buch mit den gescannten Briefen meines Großvaters, die dieser aus seiner Kriegsgefangenschaft in Russland geschrieben hat. Ich nahm es in die Hand und las es in einem Zug durch. Es war für mich nicht möglich, mich in seine Situation hineinzuversetzen. Wo war er, als er diese Zeilen schrieb? Wie hat er sich gefühlt? Wie sah sein Zimmer aus, sein Alltag, mit welchen Menschen hat er seine Zeit verbracht? Wie wurde er behandelt? Ging es ihm gut, während er diese Zeilen schrieb? Welchem psychischen Stress war er ausgesetzt? Musste er diese Briefe im Beisein eines Aufsehers schreiben? War er dazu aufgefordert, zu schreiben, was er schrieb? Alle Bilder, die in meinen Kopf kamen, erinnerten mich eher an eine amerikanische Serie auf Netflix, als an die Geschichte meiner eigenen Familie. Je länger ich mich damit beschäftigte, wurde mir klar, dass diese Bilder in meinem Kopf eventuell der Wahrheit entsprechen würden. Wie ist es möglich, dass ich mich bis dahin noch nie mit diesem Teil meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt habe? Wo doch eigentlich so viel davon abhängt. Mein Vater wurde von ihr geprägt und dadurch automatisch auch ich, in irgendeiner Weise.

Wer war dieser Mann? Josef Börding, Zimmerergeselle aus Alverskirchen, geboren  am 18 Mai 1921 in Alverskirchen, gestorben am 24.11.1985 in Siegburg. So fing ich meine Anfragen an jegliche Archive an, die etwas über ihn wissen könnten. Doch weiß ich selbst nichts über meinen Großvater, das über diese trockenen Lebensdaten hinausgeht.

Was hat er gedacht, was hat er gefühlt, wie konnte er nach allem, was er gesehen, erlebt und getan hat, noch  ein Vater von 7 Kindern sein?

Welche Rolle hat er in der Kriegszeit gehabt? Welche in der  Gefangenschaft?

Ich begann mich intensiver auf die Suche nach seinen Spuren zu begeben. Sprach mit seinen Kindern und reiste in sein Heimatdorf, um mich mit Zeitzeugen zu treffen. Ich wollte ihn kennenlernen, meinen Großvater, der bereits 9 Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Mir ein Bild machen, von einem Mann, mit dem ich verwandt bin, von dem ich aber noch nie mehr gesehen habe als ein paar Fotos. Ein Mann, der eigentlich ein Fremder ist.

Ich hatte erwartet, dass mich meine Familie und die Personen in dem Dorf mit offenen Armen empfangen. Dass es sie imponiert oder freut, dass ich mich mit seinem Schicksal auseinandersetze. Interessiert es sie nicht alle, was ihr Vater erlebt hat, warum er so geworden ist, wie er war? Ich merke schnell, dass dies nicht der Fall ist. Immer wieder bekomme ich zu hören, dass nicht über seine Kriegszeit gesprochen wurde, ein typisches Verhalten der Nachkriegszeit. Es habe sie damals nicht interessiert. Dass es nun mal so war, dass man nicht darüber sprach. Aber ist es normal, dass man sich nicht für das Schicksal seines Vaters interessiert, wenn man jung ist? Ich merke, dass auch ich sehr selten mit meinem Vater gesprochen habe, über sein Leben, seine Vergangenheit. Ich ertappe mich dabei, andere für ein Verhalten zu verurteilen, was ich selbst täglich tat. Es ist diese einfache Ausrede, zu glauben, man habe noch genug Zeit oder zu glauben, man wisse ja doch ganz gut Bescheid über alles, was die eigenen Eltern erlebt haben.

Viele erzählen die gleichen Geschichten, es wiederholt und wiederholt sich. „Er hatte seinen Moralischen immer an Weihnachten, wurde sentimental“ oder „In Kriegsgefangenschaft musste er Brennesselsuppe essen“. Doch manchmal gab es auch etwas Neues: Er habe im Krieg als Pionier fungiert. Einmal habe er erzählt, dass er losziehen musste, als Erster, um den Feind auszuspähen, erzählt sein ältester Sohn. Dann habe er im Wald gestanden und plötzlich stand ein Russe neben ihm. „Er oder ich war nun die Entscheidung“, mehr habe er dazu nicht gesagt. Doch wir alle wissen, dass mein Großvater den Krieg überlebt hat. Wie muss er sich gefühlt haben, alleine durch den Wald zu ziehen? Wie ist es, einen Menschen umzubringen? Wie viele Menschen hat er umgebracht? Tat er es aus Überzeugung oder weil er es musste? Das sind Fragen, die ich nicht werde klären können.

Wie wurde er mit seinen Erinnerungen an den Krieg fertig, ohne eine therapeutische Betreuung, denn diese war zu seiner Zeit alles andere als selbstverständlich. Das einzige, was er bekam war ein bisschen Geld, als er aus dem Krieg wiederkam. 100 DM pro Jahr. Das machte 1000 DM für die zehn Jahre seines Lebens. Von 18 bis 28 im Krieg. Was macht das mit dem Leben eines jungen Mannes?

Er soll eine Ausbildung zum Unteroffizier gemacht haben, um nicht mehr Pionieren zu müssen. Hat angehende Soldaten ausgebildet, damit diese in den Krieg zogen. Mir wurde erzählt, dass ein junger Soldat so viel Angst gehabt haben soll, dass er aus Versehen abdrückte und dabei meinen Großvater traf, ein Durchschuss durch die Hüfte. Der junge Soldat sollte erschossen werden, da er auf den eigenen Mann geschossen hat. Mein Großvater setzte sich dafür ein, dass dies nicht passierte. Er sei nur verwirrt gewesen, und das passiere den Besten.

Ich versuche immer weiter mir ein Bild von diesem mir unbekannten Mann zu machen. Seine Kinder beschreiben ihn als einen positiven Menschen, der offen für Fremde sei. Tramper wurden mit nach Hause gebracht. Wer Freund seiner Kinder war, war auch sein Freund. Familie stand ganz oben. Sonntags ging er nicht auf den Sportplatz im Dorf, sondern mit allen 7 Kindern auf Fahrradtour in die Umgebung seines Dorfes. Das Dorf, Alverskirchen. Seine Heimat. Wonach er so viel Heimweh hatte, dass er über 300 Seiten Briefe schrieb. Manchmal täglich. Ich weiß nicht, wie viele Briefe fehlen, doch sehr wahrscheinlich mehr als die Hälfte, da nur die Briefe an meine Oma vorliegen und er auch an seine Familie und an Bekannte aus seinem Dorf geschrieben hat.

In Alverskirchen baute er sich zusammen mit meiner Oma ein Leben auf, als er 1949 zurückkam. Unterernährt, und einen Wasserkopf soll er gehabt haben. Einige Monate war er krank gewesen doch dann hat er sich seine eigene Werkstatt als Zimmermann aufgebaut, die er mit seinem Bruder zusammen führte. Ich spreche mit Tante Maria, der Frau von seinem Bruder Alfons. Sie möchte nicht reden. Sagt, sie könne sich an nichts mehr erinnern. Ich glaube ihr nicht. Ich merke, dass sie nicht reden möchte, es aber durchaus könnte. Warum? Was ist ihr Grund? Familienstreitereien zwischen Josef und seinem Bruder gab es wohl viele. Seine Kinder sagen, dass sie früher so gut wie keinen Kontakt hatten mit Tante Maria. Sie hat Angst, es könne wieder so kommen, wenn sie jetzt etwas Falsches sagt. Ich wusste nicht mal, dass es Familienstreitigkeiten gab. Kenne ich meine Familie überhaupt? Rüttele ich etwas wach, was nun mehr als 30 Jahre zurück liegt? Gehe ich mit meinen Recherchen zu tief? Bin ich überhaupt dazu berechtigt, all diese Fragen zu stellen, die ich stellte? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen meiner Onkel und Tanten stören würde, was auch immer Tante Maria erzählen würde. Aber ich merke, dass sie Angst davor hat. So ist das im Dorf. Man muss aufpassen, was man sagt.

Der Ruf im Dorf soll meinem Großvater sehr wichtig gewesen sein. Was im Dorf gesagt wurde entsprach der Wahrheit. Von seinen 7 Kindern ist nur eines im Dorf geblieben. Einige sagen, das hätte an ihm gelegen. Die Kontrolle und das nicht Machen Können, was man wollte. Da haben sie sich alle woandershin orientiert. Wie es Jugendliche wohl machen, wenn sie schlau sind. Den Weg des geringsten Widerstandes nehmen. Es wird erzählt, dass mein Großvater sehr gut mit kleinen Kindern umgehen konnte, aber nie verstand, dass diese älter und größer werden und anfangen, zu diskutieren. Das mochte er nicht, das verstand er nicht.

Sein ältester Sohn glaubt, dass dies der Auslöser dafür war, dass er mit dem Trinken begann. Dass die Kinder erwachsen wurden und begannen ihm Widerworte zu geben. Mein Großvater war einige Jahre Alkoholiker, bevor er wieder fast trocken war. Wie hat meinen Vater diese Zeit geprägt? Ich erfahre, dass manchmal zu wenig Geld zu Hause war, weil er alles in der Kneipe gelassen habe. Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite dieser Familienmensch, der alles für seine Familie tat, aber dann den Alkohol der Familie vorziehen? War der Alkoholismus eine Spätfolge seiner traumatischen Erinnerungen im Krieg? Darüber sind sich die Kinder uneinig. Einige gehen davon aus, andere glauben es hatte nichts damit zu tun. Ist es überhaupt möglich, den wahren Grund für etwas herauszufinden, wenn es die Person selbst wahrscheinlich noch nicht einmal weiß? Ist es überhaupt nötig, den wahren Grund herauszufinden?

Josef Börding wollte studieren, Architektur. Vor dem Krieg hatte er sich bereits den Stoff für den Anzug gekauft, doch meine Großmutter Thea hatte ihn während der Kriegszeit für etwas anderes verwendet. Sie habe nicht damit gerechnet, dass er zurückkommen würde. Als er zurückkam, zwang ihn sein Alter dazu, sich zu entscheiden. Für die Karriere oder die Familie. Beides wäre 1949 nicht mehr möglich gewesen. Beschäftige ihn das? Bereute er, nicht Architektur studiert zu haben?

Er sei weltoffen gewesen, hätte gerne die Welt gesehen, aber nie die Zeit dafür gehabt, sagen einige seiner Kinder. Doch auch hier sind sie sich uneinig. Mal ist das Dorf alles für ihn und er leide sehr an Heimweh, dann wird er als Weltenbummler beschrieben, der nie genügend Zeit fand.

Josef Börding war ein Musikmensch, spielte Mundharmonika, und sang aus Leidenschaft. Seine Mundharmonika hatte er immer dabei, auch im Krieg. Ich erfuhr irgendwann, dass er fotografierte, hatte seine kleine eigene Kamera, hielt sein Familienglück fest.

Je mehr ich mich mit ihm beschäftige, desto weniger habe ich das Gefühl ihn zu kennen. Er hat zwei Seiten, die ich noch nicht zusammenbringen kann. Ich frage mich oft, ob er es gewollt hätte, dass ich versuche, ihn kennenzulernen. Ob er mit mir über seine Kriegszeit gesprochen hätte, würde er heute noch leben. Ob er es gut finden würde, was ich gerade mache, auch wenn ich manchmal in unangenehmen Abschnitten seines Lebens herumschnüffele. Ich werde es nie erfahren.