Mit Ida* zu Ende Gelände

Am Sonntagabend erreichen Ida* und Nico* mit großem Applaus das Ende Gelände Camp. Sie waren für über 30 Stunden in Aktion und sind über 25km gelaufen, um gegen RWE und für den sofortigen Kohleausstieg zu protestieren. Ihre weißen Maleranzüge sind schmutzig und zerrissen, sie sehen erschöpft, aber glücklich aus. Was motiviert junge Menschen, ihr Wochenende mit dem Blockieren von Kohleinfrastruktur zu verbringen? Wer fährt zu Aktionen von Ende Gelände? Ein Wochenende mit Aktivistin Ida.

„Die Politik leitet auch nach stetigem Druck der Zivilgesellschaft keine richtigen Maßnahmen gegen den Klimawandel ein. Da muss ich selbst aktiv werden“, sagt Ida auf der Fahrt Richtung Rheinland. Die Studentin fährt bereits das zweite Mal zu Aktionen. Ende Gelände beginnt für Ida jedoch viel früher als am Aktionstag. Einkaufen, Packen und das Finden der Bezugsgruppe-alles Dinge, die in den Tagen davor stattfinden.

Am Freitag zieht Ida mit Tandempartnerin Nico im roten Finger in die Aktion. Der Freitag verläuft recht ruhig, oft werden die Aktivist*innen von der Polizei gekesselt, es ist nicht klar, ob sie es bis zu ihrem geplanten Tagesziel schaffen werden. Doch schließlich verbringen sie die Nacht mit 1000 weiteren Aktivist*innen unter freiem Himmel in der Nähe des Tagebaus Garzweiler. Das Gelände ist von Scheinwerfern der Polizeiwagen erhellt – eingehüllt in Rettungsdecken und Schlafsäcken stört das hier niemanden.

Am nächsten Morgen zieht die Spontandemo weiter. „Auf geht‘s, ab geht‘s Ende Gelände“, rufen die Aktivist*innen. Alle wissen, dass sie heute versuchen werden, in den Tagebau zu gelangen und die Polizei sie davon abhalten will. Wann das passiert, wissen nur die Organisator*innen. Es liegt eine Spannung in der Luft, sowohl bei der Polizei als auch bei den Aktivist*innen. Es braucht  noch 3 Stunden laufen in der Hitze, bis die Frontlinie links auf das Feld rennt. Die Nachricht, dass es soweit ist, verbreitet sich blitzschnell im Finger. Auch Ida und Nico durchfließen Hand in Hand Polizeiketten, orientieren sich an der rot-lilanen Fahne. „Vavulva!“ ruft Ida ins Feld hinein, „Vavulva!“, doch sie bekommen keine Antwort. Ab jetzt ist ihre Bezugsgruppe nur noch zu zweit, die anderen beiden haben sie beim Durchfließen der Polizeikette verloren. Hand in Hand rennen sie über das Feld in Richtung des Tagebaus. „Polizeiketten von rechts, Reiterstaffel von links“, hört man durch das Megafon. „Lauft zügig, aber bleibt zusammen, macht euch auf den Feldern breit zum Durchfließen der Polizeiketten“. Die Aktivist*innen nehmen sich an die Hände und bilden lange Menschenketten – die Bagger im Tagebau sind nur noch wenige hundert Meter entfernt. „Wir machen langsam“, sagt Nico zu Ida, „nur so schnell wie wir können“. Ida nickt zügig. Auf einem Sandwall steht bereits eine gezogene Polizeikette, einige Aktivist*innen ein paar hundert Meter links von Nico und Ida sind bereits über den Wall geklettert, die rot-lilane Fahne bewegt sich jedoch weiter nach rechts. Schließlich durchfließen auch sie die Polizeikette, über 500 Aktivist*innen stehen direkt an der Abbruchkante. Alles sieht danach aus, dass der rote Finger es in den Tagebau schaffen wird. Doch an dieser Stelle des Tagebaus wäre es zu gefährlich hinab zu gehen.  Immer mehr Polizei zieht vor und hinter den Aktivist*innen auf. Um einer Eskalation zu entgehen, entschließen die Aktivist*innen sich hinzusetzen und die Situation zu beruhigen – dass sie jetzt über 4 Stunden in einem Polizeikessel sitzen werden, wusste zu dem Zeitpunkt niemand.

Dann wird verhandelt, dass die Aktivist*innen ohne ID-Feststellung gehen dürfen, wenn sie sich in Bussen wegtransportieren lassen. „Natürlich finde ich es schade es nicht in den Tagebau geschafft zu haben und dass ich die Kohleinfrastruktur nicht mit meinem Körper blockieren konnte“, meint Ida, „aber wir konnten Polizeikräfte binden und es so anderen Aktivist*innen ermöglichen.“

Bei der nächsten Aktion werden wieder Tausende Kohleinfrastruktur blockieren. Die Solidarität und Entschlossenheit unter den Aktivist*innen ist einfach zu große – und die Taten der Politik zu klein.

*Namen geändert